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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    "Das Reale wird durch Zeichen des Realen ersetzt."

    verfasst von Silke, 06.01.2019, 09:48
    (editiert von Silke, 06.01.2019, 10:46)

    Vielen Dank, lieber Ostfriese,

    ich habe neulich wieder in "Reif werden zum Tod" von Elisabeth Kübler-Ross gelesen und war diesmal von ihrer Auffassung berührt, dass ich für diese Welt verantwortlich bin "Der Tod ist die letzte Stufe der Reife in diesem Leben".
    Wenn ich also Überzeugungen habe, von denen ich mir verspreche, die Welt auch nur ein wenig besser machen zu können, dann muss ich sie genau so in die Welt tragen wie andere Menschen mit ihrem Sendungsbewusstsein auch.

    Wenn sich da vieles wiederholt wie manche beklagen so bleibt das trotzdem notwendig.
    Für mich wird es mit jedem geschriebenen Text klarer weil ich doch immer wieder auch noch einmal selbst zum Nachlesen gezwungen bin und für andere Menschen erhöhen sich die Chancen, an meine Denkinhalten anknüpfen zu können und ihre eigene Weltsicht zu erweitern, wenn sie sich halt nicht dauernd angegriffen fühlen würden.

    > die Unzufriedenheit und die Desorientierung sind allseits greifbar, wie
    > der Beitrag von
    > @Ulrich
    > Remmlinger zeigt.

    Das ist richtig, aber ich frage mich mittlerweile, ob das jemals anders war.
    Eine "revolutionäre Situation sehe ich ja nun nicht gerade.

    > Ich möchte meine dortigen
    > Ausführungen,
    > die im DGF schon länger bekannt sind, an dieser Stelle ein letztes Mal
    > vollständig einbringen.

    Das kann man aber nicht oft genug einbringen.

    > Roland Barthes hat in seinem Buch 'Die helle Kammer' im Zusammenhang mit
    > Betrachtungen über die Photographie und Malerei die Begriffe 'studium' und
    > vor allem 'punctum' und 'choc', deren Bedeutungen vor mehr als einem halben
    > Jahrhundert in meinem Kunstunterricht thematisiert wurden, eingeführt. Das
    > Werk von Marcel Duchamps wurde schon damals ausführlich besprochen.
    >
    > – Barthel verdeutlicht den Begriff 'studium': "Wenn William Klein den
    > > ">'1. Mai 1959 in Moskau' photographiert, zeigt er mir, wie die
    > Russen sich kleiden, … ich registriere die mächtige Mütze eines Jungen,
    > die Krawatte eines anderen, das Kopftuch der Alten, den Haarschnitt eines
    > Jugendlichen, und so weiter." Das Bild ist also eine reine
    > Zustandsbeschreibung.

    Für solche Empfindungen brauche ich einen ganz persönlichen Zugang, eine geeignete Mustererkennung, eine Befähigung zum Mitschwingen wie auch in der Musik oder der Mathematik.
    Wenn jemand hier z.B einen seiner musikalischen Favoriten verlinkt wie neulich das Schneiderlein ist die Befähigung zum Nachempfinden sehr von den Befindlichkeiten und Befähigungen, vom Vermögen und der aktuellen Verfassung des Gegenüber abhängig.
    Das ist der Nachteil am Austausch über soziale Medien. Der größte Teil der Kommunikation wie Gestik, Mimik, Begleitumstände usw. wird nicht transportiert, obwohl wir als soziale Wesen so sehr darauf angewiesen sind um richtig zu interpretieren - darum wahrscheinlich auch die vielen Missverständnisse und die teils unnötige Aggressivität.

    > – Ein 'punctum' – ein 'choc' – befindet sich in dem Gemälde
    > > ">'Holzsammler im Schnee' – eine in kalte Farben getauchte
    > Winterlandschaft von Vincent van Gogh. Wir sehen die Dynamik an ihren
    > Beinen, an ihren gesenkten Blicken auf den schneebedeckten Boden, die dort
    > Festigkeit für die Füße suchen und an dem angedeuteten Trichter, der
    > durch die waagerechte Linie in der Bildmitte und der angedeuteten schrägen
    > Geraden der Sträucher links unten und der Richtung der Reisigbündel oben
    > ansatzweise gebildet wird. Der Blick wird durch das 'chocartige' Auftreten
    > der untergehenden, letzte Wärme spendenden, Abendsonne als 'punctum' in
    > das Bild wieder zurückgeholt.
    >
    > Ohne die rote Abendsonne wäre das Bild nur ein 'studium' von Holzsammlern
    > in einer Winterlandschaft. Sie ist ein plötzliches Ereignis, das "bedeutet
    > [auch]: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und Wurf
    > der Würfel. Das 'punctum' einer Photographie, das ist jenes Zufällige an
    > ihr, das mich 'besticht' (mich aber auch verwundet, trifft)." Das 'punctum'
    > verändert also die Deutung des Gemäldes – hin zu einem Meisterwerk.

    Eine schöne Darstellung.
    Wer sich aber gerade an einem Botticelli oder Vermeer ergötzt hat wird sich möglicherweise denken, "Na dem fehlt aber auch mehr als ein Ohr".
    Böse Zungen behaupten ja, auch Picasso hat es nur für das Geld getan, was man ja nun bei dem ewig klammen und von seinem Bruder ausgehaltenen van Gogh eher nicht behaupten kann.

    > "Es ist ja ganz nett, wenn Sie so einen Artikel im Manager-Magazin
    > veröffentlichen durften, aber warum schwenken Chefredakteur,
    > Unternehmensleitungen und Wissenschaft nicht auf Ihre Linie ein?"
    >
    > Die Finanzkrise ab 2007 mit ihren nachfolgenden Entwicklungen war in der
    > allgemeinen Wahrnehmung ein kollektiver ökonomischer 'choc'. In
    > Ermangelung eines individuellen intellektuellen 'punctums' konnten die
    > Chefredaktionen, Unternehmensleitungen und Wissenschaften ihre bisherigen
    > ökonomischen Deutungsversuche, die ja nur 'studien' waren, nicht
    > überzeugend revidieren – sie sind alle ihren überlieferten Paradigmen
    > verhaftet geblieben. Im Sinne des berühmten Zitates: "Würden die Menschen
    > das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen
    > früh." von Henry Ford wissen die Machthalter, dass neue Denkansätze ihnen
    > die Macht nehmen können.

    Ganz genau. Aber auch Ohnmächtige ahnen und fühlen das.

    > Der 'choc' ist im Leben aller Menschen erst einmal etwas sehr Bedrohliches
    > und erzeugt Angst. Die Angst rührt vielleicht auch daher, dass wir im
    > Gefängnis der überkommenen Verschriftung und der Zeichen sitzen, dessen
    > Mauern wir meinen, nicht überwinden zu können.

    Ein Gefängnis bietet aber auch Schutz, Struktur und Versorgung sowie stabile Beanspruchungen, wenn man sich einmal reingefunden hat. Am Ende fällt es den Insassen immer schwerer, außerhalb des Gefängnis zu leben.

    > Jeder simuliert sich die
    > Wirklichkeit mit den Worten seiner Texte zu seiner eigenen wahrgenommenen
    > individuellen und subjektiven Realität, deren Deutung sich psychologisch
    > nur nach einem selbst erlebten Riss – einem 'punctum' und 'choc' –
    > verändern lässt und nicht durch reines Räsonieren.

    Das ist der Punkt, und das möchte ich auch am Gegenüber besser hinnehmen.
    Jeder befindet sich an einer anderen Bushaltestelle an der man ihn abholen kann - aber eben nur genau an dieser wenn er noch nicht so weit, oder schon zu weit ist.

    > Es dauert
    > gegebenenfalls sehr lange, bis es 'Klick' macht, dessen Ausgangspunkt eben
    > immer individuell ist, für grundlegend neue Denkansätze – jeder hat
    > sich mithin selber zu mühen und zu finden.

    Auch sehr wichtig. Wem die Welt nicht passt der kann sie für sich ändern.

    > Mit den nötigen Abänderungen gelten meine Ausführungen auch für die
    > Simulationsmoderne von Jean Baudrillard, den – in den Worten von
    > @Ashitaka – '> ">von den Fassungslosen' so verhasste.
    >
    > Weder in seinem Heimatland Frankreich und erst recht nicht in Deutschland
    > findet Baudrillard eine durchgreifende Anerkennung, wie Samuel Strehle in
    > 'Zur Aktualität von Jean Baudrillard' ausführt. Das ist vielleicht im
    > Hinblick auf meine obigen Betrachtungen auch verständlich.
    >
    > Samuel
    > Strehle schreibt auf S.26: "Mit Abstand die stärkste Resonanz ruft
    > Baudrillard im englischsprachigen Raum hervor, besonders in den USA und in
    > Kanada, aber auch in Großbritannien und Australien. Hier ist er als
    > bedeutender Vertreter der French Theory bzw. des Poststrukturalismus
    > neben Denkern wie Foucault, Derrida oder Deleuze weitgehend anerkannt und
    > etabliert."
    >
    > Es ist natürlich verständlich, dass ein
    > International Journal
    > of Baudrillard Studies nur dort erscheint und die Konferenz
    > 'Applied
    > Baudrillard' Conference (Oxford, 2018) erst recht nur in
    > Großbritannien stattfinden kann.
    >
    > > ">Baudrillard: "Frankreich ist nur ein Land, Amerika ist ein
    > Modell."
    > >
    > > "Immer wieder blitzen geniale Gedanken auf und man will am liebsten
    > > schreien „Ja! Da bohr dich jetzt rein!“[[top]]
    > >
    > Warum muss Baudrillard da 'reinbohren'? Nein, @Phoenix5 muss selber
    > weiterdenken! Gemäß der Logik der Quantenmechanik ist nicht jeder nur ein
    > isolierter Teil des Ganzen, sondern jeder ist an der Schöpfung dieser Welt
    > als ein Gesamtkunstwerk beteiligt – jeder setzt sich auf’s Spiel. Es
    > geht um das 'Sich öffnen'. Wer wagt schon, sein bisheriges Denken zu
    > überwinden und sich für neue Deutungen zu öffnen. Wie @Ashitaka ja
    > hervorhebt, sind auch hier und drüben auf dem Reddit-Außenposten (und
    > auch bei Stelter) genug Denker unterwegs, die 'ungeöffnet' längst
    > woanders sind, alles in Frage stellen, was wir öffentlich immer noch als
    > unzureichende Vorstellung verteidigen.
    >
    > "Falscher als falsch, das bleibt mir von Jean Baudrillard ewig im Ohr,
    > kann das Festhalten an einer Erkenntnis nicht sein. Unsere Hinterfragung
    > hingegen kann niemals falsch sein."
    >
    > Baudrillard ging es zunehmend um die Überwindung der Orgien der
    > Kommunikation, der Dialektik, des Subjektes. Hin zu 'Illudere - Uns auf's
    > Spiel setzen lernen!' – gegen die
    > Entzauberung
    > des Lebens:
    >
    > "Das mag ich, dass erinnert mich an mich selbst, an meine Kinder, an die
    > Augenblicke meines Lebens, an die ich mich gerne zurück erinnere und die
    > ich gegenwärtig wieder in großen Zügen genießen darf."
    >
    > Und nur darum geht es!

    Eine sehr gelungene Darstellung.
    Baudrillar wird wie auch Paul C.Martin in meinem ganzen sozialen Umfeld abgelehnt.
    Also bin ich nicht sehr verwundert über @Phoenix5 seine Rezension (Rezession war ein Freudscher Versprecher).
    Letztlich muss jeder für sich selbst suchen und finden.
    Dabei können wir hier und in dependenten Foren (das DGF ist und bleibt imho. der Hort der Kernkompetenz) uns aber trotzdem mit unseren sehr unterschiedlichen Schätzen gegenseitig helfen

    Ganz liebe Grüße
    Silke

    ---
    "Es ist zu spät, das war es schon immer, und das wird es immer sein.“
    Watchmen – Die Wächter
    http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=250729

    

    gesamter Thread:

  • Geist über Materie: Ist unser materielles Weltbild noch haltbar? - Vatapitta, 31.12.2018, 01:03

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