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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Reisebericht Südafrika (2) - Townships und Infrastruktur

    verfasst von Plancius, 30.12.2018, 13:24

    Hier zunächst der Link zum Teil 1 des Reiseberichts.

    Reisebericht Südafrika (1) - Ein Blick in die Glaskugel

    Townships

    Auf keinen Fall sollte der Besuch eines Townships fehlen. Also buchte ich im Internet eine Tour durch Kapstadts ältestes Township Langa. Eine junge Xhosa-Frau nahm uns in Empfang und führte uns drei Stunden durch ihr Township. Zunächst ist es wichtig, ein wenig über die Geschichte der Townships zu kennen, denn soweit ich weiß, verwendet man nur in Südafrika den Begriff "Township" für ein genau abgegrenztes Gebiet einer Stadt, wo die vorwiegend schwarze oder farbige Bevölkerung wohnt.

    In der Zeit der Apartheid, also der Politik der strikten Rassentrennung, wurde von den damals regierenden Weißen ein bestimmtes Gebiet am Stadtrand den schwarzen bzw. farbigen Arbeitskräften zugewiesen. Die Schwarzen hatten damals keine Niederlassungsfreiheit, sondern sie benötigten eine Erlaubnis, um außerhalb ihrer Homelands zu wohnen und zu arbeiten. In den Townships wohnten also nur die schwarzen Arbeitskräfte, die in den Unternehmen der Stadt oder in den Haushalten der Weißen beschäftigt waren. Die damals weiße Regierung baute bis zu 5stöckige Häuser in den Townships, die als Wohnheim für die schwarzen Arbeitskräfte fungierten. Es wohnten dort keine Familien, sondern nur die vorwiegend männlichen schwarzen Arbeiter. Weihnachten hatten sie alle Urlaub und fuhren in ihre Homelands. Dies führte dazu, dass früher der Monat September der geburtenreichste Monat in Südafrika war.

    Trotz des beschränkten Zutritts zu den Townships kam es auch unter der Apartheit zum illegalen Bau vieler Bretterverschläge und einem Wuchern von illegalen Bauten in und um die Townships. Diese illegalen Bauten wurden teilweise von der weißen Stadtverwaltung von zeit zu Zeit mit der Planierraupe beseitigt, was dann zu gewalttätigen Ausschreitungen mit Toten und Verletzten führte. Insgesamt boten die Townships aber keinen solchen elenden, ärmlichen Anblick wie heute.

    Seit Ende der Apartheid genießen alle Einwohner Südafrikas Niederlassungsfreiheit. Dies führte zu einem starken Anwachsen der Fläche und Einwohner der Townships. Vier wesentliche Faktoren bestimmen das rasante Ausdehnen der Townships.

    1. Die Städte bieten Einkommensmöglichkeiten und führen zu einer Binnenwanderung vom Land in die Städte.
    2. Die ehemaligen Arbeitskräfte haben in der Mehrzahl ihre Familien aus den Homelands in die Townships nachgeholt.
    3. Die nach wie vor starke Migration aus benachbarten Staaten ins vergleichsweise wohlhabende Südafrika führt im Regelfall in die Townships.
    4. Die starke Geburtenrate auf Seiten der schwarzen Bevölkerung führt zu einem ständigen Nachschub an neuen, jungen Bewohnern der Townships.

    Die Townships sind heute im Hinblick auf die soziale Schichtung dreigeteilt. Ganz unten gibt es die Bretter- und Wellblechhütten der Ärmsten. Solche Hütten bzw. Bauplätze werden für ca. 75 USD gehandelt. In den Hütten gibt es eine abenteuerliche Stromzufuhr für Licht, Kühlschrank und Fernseher. Pro Straßenzug existiert eine widerlich stinkende Gemeinschafts-Latrine und direkt daneben eine Wasserentnahmestelle. Der Müll wird auch dorthin in die Container oder daneben entsorgt.

    Die Bewohner der Elendsbehausungen stehen im Regelfall auf einer Warteliste für eine Wohnung. Bei den Wohnungen handelt es sich um Häuser bzw. Wohnheime aus der Apartheidzeit, es werden aber auch ständig neue Häuser von der Regierung gebaut. Wenn eine Familie aus ihrem Elendsquartier in eine Wohnung zieht, kommen ca. 3 mal soviele Bewohner in die Elendsviertel hinzu. Obwohl die Regierung offensichtlich in den Wohnungsbau in und um die Townships herum investiert, verschlechtert sich die Wohnsituation für immer mehr Menschen durch den Zustrom in die Städte und das Bevölkerungswachstum.

    Wurde einer Familie eine Wohnung zugeteilt, dann zieht sie entweder in ein ehemaliges Wohnheim aus der Apartheidzeit oder eines der ca. 3 geschossigen Wohnhäuser, die in den letzten Jahren entstanden sind. Sowohl die Wohnheime als auch die neuen Wohnhäuser stehen auf vergleichsweise großen Grundstücken und lassen Licht, Luft und Sonne in die Wohnungen. Die Straßen sind asphaltiert und mit Straßenbeleuchtung versehen. Die Häuser wurden so konzipiert, dass sie auf der Straßenseite einen Vorgarten mit Rasenfläche haben sollen und auf der Hofseite Rasenflächen mit Wäscheplatz und kleinem Nutzgarten aufweisen. Tatsächlich ist um die Häuser herum alles vermüllt. Hier gibt es keine Kehrwoche, vielmehr werden sowohl die Häuser und auch das Wohnumfeld von deren Bewohnern bewusst vermüllt und heruntergewirtschaftet. Niemand fühlt sich für etwas verantwortlich. Die Kinder spielen, die Männer lungern überall nichtstuend und apathisch herum, die Frauen hängen ihre Wäsche auf.

    Was ich erstaunlich fand, ist die Tatsache, dass man sowohl auf der Straße als auch auf den Höfen teure und glänzende Karossen deutscher Mittel- und Oberklassefabrikate findet. Bei den Besitzern handelt es sich um Männer, die auf irgendeine Art zu Geld gekommen sind, gern ein teures Auto fahren, aber keinen Wert auf Wohnen legen und gern im Township wohnen bleiben möchten.
    Eine Südafrikanerin, die bei Mercedes in East London arbeitet, sagte, dass die Schwarzen total auf Mercedes abfahren. Die Regierung gibt den Beamten auch einen Zuschuss von 200.000 (ca. 13.500 EUR) Rand, wenn sie eine neue Mercedes-Limousine kaufen. Leider vergessen sie dann, dass auch der Unterhalt des Mercedes Geld kostet und sie trotz Zuschuss die monatlichen raten nicht mehr aufbringen können und Mercedes dann die Wagen zurückholen muss.

    Die schwarze Mittelschicht, die etwas Wert auf Wohnqualität legt, baut sich in den Townships kleine Bungalows, die dann auch von 2 m hohen Mauern und Stacheldraht umgeben sind. Hier sind dann auch gewisse Mindeststandards in der Haus- und Grundstückspflege zu finden. Hier und dort ist der Ansatz eines Vorgartens zu finden und ab und zu scheint auch der Besen geschwungen zu werden. Aber auch hier liegt Müll auf der Straße und Plastiktüten fliegen durch die Gegend.

    Apropos Plastiktüten. Überall wo sich Menschen bewegen, sind Plastiktüten präsent. Wegen des ständig wehenden Südost-Passats hängen überall Plastiktüten an Zäunen, Pfählen, in Sträuchern, an Häusern, sie schwimmen in Flüssen und Kanälen, sie hängen im Schilf der Sumpfgebiete, ... Man wird ihrer wegen des starken Windes nicht Herr, selbst wenn der Müll zusammengekarrt wird.

    Infrastruktur

    Wie ist es um den Zustand der öffentlichen Infrastruktur bestellt?

    Ich war erstaunt über ein gut ausgebautes Straßennetz. Allerdings sind etliche Nebenstraßen und Pässe über die Berge nach wie vor Schotterpisten. Werden Straßen gebaut, so wird verfahren, wie ich es in den USA kennengelernt habe. Der Unterbau wird aufgebracht und dann wird asphaltiert. Kleinere Bodenunebenheiten werden nicht weggebaggert oder aufgefüllt, so dass man viele "Blind summits" hat. Leitplanken und Begrenzungspfosten fehlen auch in der Regel, aber die Verkehrsdichte ist auch nicht so hoch wie in Deutschland.
    Ich bin immer wieder erstaunt, wie in anderen Ländern mit wesentlich bescheideneren und primitiveren Mitteln als in Deutschland der Straßenbau organisiert wird. Auf keinem Gebiet ist der Kompetenzverlust Deutschlands sichtbarer als im Straßenbau, nicht was den Einsatz der Technik angeht - da sind wir nach wie vor im Spitzenfeld - sondern vielmehr was die Arbeitsorganisation und das Arbeitstempo betrifft.

    Um Kapstadt herum habe ich auch Tagesbaustellen auf Autobahnen erlebt mit Verkehrsbehinderungen und Fahrbahnverengung. Nach einer Schicht waren aber wieder einige Hundert Meter Straße neu asphaltiert und die Baustelle war abends wieder geräumt. Auch die Autobahn von Kapstadt ins nördlich gelegene Malmesbury wird gerade auf einer Länge von ca. 40 km gebaut. Was man da geballt an Baggern und Arbeitskräften sieht, ist in Deutschland im Jahr 2018 unvorstellbar. Ich schätze mal, dass unsere Arbeitsproduktivität im Straßenbau um den Faktor 10 höher ist als in Südafrika. Genau das macht mich tagtäglich zornig, dass wir seit Jahren unter unseren Möglichkeiten herumdümpeln und unsere Schaffenskraft in Missmanagement seitens der Politik und Wirtschaft zerrieben wird und an vielen Stellen verpufft.

    Mobilfunk und Telekommunikation sind hervorragend ausgebaut. Wenn ich mich nicht gerade auf einer weit abseits gelegenen Farm befunden habe, stand praktisch überall LTE-Empfang zur Verfügung.

    Das Stromnetz ist vergleichsweise stabil, eigentlich ein Wunder, wenn man sich das Leitungswirrwar in den Townships anschaut. Ab und an gab es Stromausfälle von bis zu 2 Stunden, die jedoch vorher angekündigt wurden.

    Was mir auffiel ist der vergleichsweise saubere Zustand des Landes und öffentlicher Einrichtungen, wenn man von den Townships einmal absieht. Und das trotz der Tatsache, dass die Einwohner zur Vermüllung ihres Umfeldes neigen und auch sonst nicht besonders sorgsam mit Allgemeingütern umgehen. Fährt man längere Zeit hinter einem Auto her, dann fliegen immer mal wieder Gegenstände aus dem Fenster - Dosen, Zigarettenschachteln, Tüten und Becher. Man sieht jedoch in den Städten und entlang der Straßen immer Menschen mit Müllsäcken, die den Müll aufsammeln. Nur der Plastiktüten werden sie wegen des Windes nicht Herr. Auch die Strände und Küsten befinden sich in einem tadellosen Zustand. Es patroullieren immer Menschen mit Müllsäcken, die Müll einsammeln.

    Überhaupt sind immer Arbeiter anzutreffen, die fegen, Grünanlagen pflegen, Rasen mähen, Pflanzen wässern oder Müll aufsammeln. Auch der Zustand öffentlicher Toiletten in Malls, Restaurant oder Flughafen ist tadellos. Nach praktisch jedem Besucher wird gereinigt und gewischt. Auch hier bin ich mir wieder einmal bewusst geworden, dass eine unserer Kompetenzfestungen - Öffentliche Ordnung und Sauberkeit - in den letzten Jahren geschliffen wurde. Es ist ein Jammer, wie versifft unsere Parks, öffentlichen Einrichtungen und unsere Städte allgemein sind und welcher Müll sich mittlerweile an unseren Straßen angesammelt hat. Leider sind wir nicht mehr in der Lage, für die Sauberkeit unseres öffentlichen Raumes zu sorgen.

    Das wäre doch mal ein Thema für eine Doktorarbeit: Wie kann ich in einem Land, in dem es einen Mindestlohn und gewisse Mindeststandards im Wohnen und auch anderen Bereichen gibt, Arbeit für Menschen mit geringer Qualifikation organisieren, wie z.B. bei der Pflege des öffentlichen Raumes oder in privaten Haushalten, wo der sich frei am Markt bildende Lohn aber nicht ausreicht, diese Mindeststandards zu bezahlen oder diese Leistungen wegen eines Mindestlohns erst gar nicht nachgefragt werden. Offensichtlich werden ja solche Arbeiten in den meisten Ländern verrichtet, siehe die Emirate, aber auch China.

    Teil 3, wenn ich ihn denn schaffe, dreht sich um das Thema Apartheid und Auswanderer.

    ---
    Der Königsweg zu neuen Erkenntnissen ist nach wie vor der gesunde Menschenverstand.

    

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Wandere aus, solange es noch geht.


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