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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Staaten sind Eintagsfliegen

    verfasst von Weiner, 15.06.2015, 21:37

    Um Dein Modell, werter Morpheus, richtig diskutieren zu können, müssten wir uns zuerst auf klare Begriffe einigen (Staat, Machtzentrum, Kultur, Hochkultur, Zivilisation in Spenglerschem Sinne, städtische Zivilisation, Stadt). Was gegen Deine Idee spricht: es gibt Siedlungszentren und Städte, die bestehen seit Jahrtausenden und haben während dieser Zeit alle möglichen Staaten und Kulturen über sich hinweggehen sehen. Die Stadt ist ein häufiges und deutliches, aber kein essentielles Element eines Staates oder einer Kultur. Der Staat der Mongolen etwa (Dschingis Khan und Nachfahren) kannte bei seiner Gründung keine Stadt. Viele der von Dir angeführten Mechanismen sind aber ganz richtig erkannt. Auf die Gefahren, die hier drohen und auf die Du hingewiesen hast, sollte politisch reagiert werden.

    Staaten sind ziemlich labile Gebilde. Wenn's hoch kommt erreichen sie 300 Jahre, vielen geht schon bei 250 Jahren die Luft aus. Manche sterben im Erwachsenenalter, viele schon im Kindbett. Ein Methusalem wurde Rom als Stadtstaat - oder auch das 911 gegründete Königtum der Deutschen (beide fast 1000 Jahre). Aber eigentlich sind Staaten ziemlich langweilig, weil sie, bislang wenigstens, immer auf den selben monotonen Bauprinzipien basieren. Viel interessanter sind die Hochkulturen, die sich ebenfalls dynamisch-zyklisch entfalten. Hier handelt es sich um den Staaten übergeordnete, aber dennoch gesetzmäßig ablaufende geschichtliche Prozesse, die (aktuell) Milliarden Menschen ergreifen, auf die aber die Individuen und selbst große Staaten letztlich keinen (bewußt-willentlichen) Einfluss haben. Im letzten großen abendländischen Hochkulturzyklus, der mittelmeerischen Antike (1500 vChr. bis 500 nChr.) waren fast tausend (überwiegend Stadt-) Staaten miteinander verflochten und integriert zu einem Gesamtsystem. Viele von ihnen, ich denke etwa an Athen, haben einzigartige kulturelle Leistungen vollbracht, für die sie nie einen Cent zurückbekamen, die aber heute Allgemeingut der Menschheit sind (oder sein könnten/sollten ...?). Einer der eher spätgeborenen dieser antiken Stadtstaaten, nämlich Rom, hat die Aufgabe übernommen, die letzten 500 Jahre dieses Kulturzyklus zu organisieren. Im Anschluß an einen solchen Hochkulturzyklus, der regelmäßig vier 500 Jahres-Epochen umfasst, folgt im Allgemeinen (und in der Terminologie von Spengler) eine Zivilisationsphase. Für die Antike war dies das byzantinische Reich. In der Zivilisationsphase werden keine wesentlichen kulturellen Errungenschaften mehr erarbeitet. Ich vergleiche diese Phase gerne mit einem Ozeantanker, dessen Motoren abgestellt sind, der aber wegen seiner Schwungmasse bzw. Trägheit noch viele Seemeilen weit fahren kann.

    Für die Entstehung eines Kulturzyklus sind einige zwingende Voraussetzungen nötig, voran eine zahlenmäßig starke, genetisch und geistig dynamische Einwandererpopulation (dies hat erstmals Frobenius bei erobernden Nomaden in Afrika entdeckt) sowie ein kulturtragendes Substrat. Beim aktuell noch laufenden Kulturzyklus handelte es sich seinerzeit um die germanischen Wandervölker, die sich über die Reste der mittelmeerischen Kultur (bzw. Zivilisation) lagerten - und die auf diesem Humus einen neuen Hochkulturzyklus in Gang brachten. Es tut mir leid sagen zu müssen (für alle hier, die auf GO warten), dass dieser Hochkulturzyklus noch 500 Jahre andauern und sich während dieser Zeit sehr dynamisch und kreativ weiterentwickeln wird. Danach wird eine Zeit anbrechen, ab 2500 nChr., die dann die zweite abendländische Zivilisationphase darstellen wird (Byzanz 2.0). Die kulturellen Patterns, die in den letzten 1500 Jahren hier in Europa formuliert wurden (inklusive derjenigen, die in den nächsten 300 Jahren noch geschaffen werden), werden also mindestens bis 3500 nChr. die Weltgeschichte prägen. Dem aktuellen abendländischen Hochkulturzyklus ist es gelungen, die übrigen Kulturkerne auf diesem Planeten einzuschmelzen und sich zu amalgamieren. Ein etwas harter Brocken in dieser Hinsicht ist die islamisch-arabische Welt, die durchaus die Chance zu einem eigenen Hochkulturzyklus gehabt hätte, sich aber im Lauf noch dieses Jahrhunderts in das Gesamtsystem einfügen wird.

    Ich kenne mich in der menschlichen Geschichte besser aus als manche Damen in ihrer Handtasche, habe über meine Forschungen aber noch nicht publiziert. Ursprünglich stieß ich auf dieses Forum, weil ich wissen wollte, welche Zyklen es im kurzfristigen Bereich gibt (Jahre, Monate, Tage - am besten zu studieren mit Börsendaten). Die wichtigsten langen Zyklen, von 12 Jahren bis in den Bereich der 2000 Jahre (wie oben dargestellt), habe ich vermutlich schon alle zusammengetragen können (das geschichtliche Material der letzten 7000 Jahre reicht dazu aus). Mag sein, dass irgendwann einmal ein Asteroid die Erde trifft - das lässt sich als externes Ereignis auf Basis dieser genuin menschengeschichtlichen Zyklen nicht voraussagen. Aber alle internen Strukturen des aktuellen Hochkulturzyklus (und dazu gehört etwa auch das Phänomen der Atomkraft) sind so gelagert, dass der Hochkulturzyklus sich nicht selbst komplett zerstören kann, auch nicht aus einem Unfall heraus. Die transzendenten Zeitstrukturen, die das steuern, sind stärker als unsere Sorgen und Wünsche - letztere sind nur ein Ausdruck dieser Transzendenzen. Auch Seuchen schaffen so ein Zerstörungswerk nicht. Gelegentlich kommt es allerdings vor, dass der eine Hochkulturzyklus einen anderen zerstört und ausbeutet. Das hat das Abendland mit den Inkas und den Azteken gemacht (die man am empfindlichen Wechsel ihrer Epoche III zu IV getroffen hat). Derzeit gibt es für das Abendland aber keinen entsprechenden Gegner. China ist inzwischen Teil des abendländischen Kulturkreises (wie auch Indien) und wird in wenigen Jahren - und zwar 100% im Sinne abendländischer Traditionen - entscheidend in das Geschehen eingreifen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich dazu schon einen Beitrag hier verfasst.

    Aus Respekt vor dem Forum und als Zeichen des Dankes für die vielen Informationen, die ich hier erhalte, stelle ich drei Abbildungen ein, die noch nicht publiziert wurden (was ein wenig gefährlich ist), die aber die obigen Ausführungen verdeutlichen mögen. Die erste Abbildung analogisiert die wichtigsten Kulturzyklen in ähnlicher Weise wie es Spengler getan hat (der auch richtig erkannte, dass es sich um einen gesetzmäßigen Ablauf handelte, mit inhaltlichen Korrespondenzen zwischen "parallelen" Epochen). Die zweite Abbildung gibt einen genetisch chronologischen Überblick über die Hochkulturen. Die dritte Abbildung bringt ein ausgewähltes Einzelbeispiel (Ägypten) in etwas größerer zeitlicher Auflösung.

    Ich werde auf einige parallele Antwortbeiträge noch separat antworten (bin leider mit der Zeit etwas beschränkt und bitte um Geduld), wollte aber, wenn Morpheus hier die Weltgeschichte aufreisst, mit meinen eigenen Erkenntnissen nicht hinter dem Berg halten - und wollte bei der Gelegenheit einmal (der Konvention des Forums entsprechend) mich vorstellen.

    Nochmal zurück zu @Morpheus: Du hast gebeten, Dir "wenigstens zu erklären, wie wir aus diesem Dilemma jemals wieder heraus kommen". Da gibt es nur eine einzige Lösung, nämlich diejenige, die ich in meinen Beiträgen zur politischen Selbstorganisation in den letzten Tagen/Wochen angesprochen habe. Wenn das nicht gemacht wird, werden die Anderen die Handlungshoheit behalten. Und wer die sind, das kannst Du Dir am letzten Hochkulturzyklus beispielhaft ansehen. Am besten Du beginnst aber nicht mit Augustus, sondern schon mit Sulla und Cäsar, und lass auf keinen Fall die Geisteskranken aus (etwa Nero und Caligula). Und übersieh nicht die Schweinebanden der damaligen Oligarchen und Militärkader, die die Imperatoren immer umgeben haben wie die Fliegen den Milcheimer (ein Bild aus der Ilias). Der Letzte dieser Imperatoren übrigens hieß, wie der erste, der mythische Gründer der Stadt, Romulus, nun mit Beinamen Augustulus, eine ziemliche Eintagsfliege ...


    Beste Grüße, Weiner

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    gesamter Thread:

  • Der in Kürze kommende Faschismus - Phoenix5, 14.06.2015, 02:11

Wandere aus, solange es noch geht.


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