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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    froschgrafik: Aufstieg und Niedergang des (europäischen) Kapitalismus

    verfasst von frosch, 31.03.2014, 08:58

    Die folgenden Daten und Grafiken stammen von Thomas Piketty.
    Der Kommentar und Text ist von mir allein.

    1. Globales BSP (Summe aller wirtschaftlichen Leistungen)
    Die erste Grafik zeigt das relative Gewicht der Weltregionen mit Beginn unserer Zeitrechnung bis in die Gegenwart:

    [image]

    Zu Beginn unserer Zeitrechnung gab es weltweit keine großen Unterschiede in der Arbeitstechnik und der Arbeitsproduktivität. Die jeweilige Wirtschaftskraft hing ab von der (kombinierten) Anzahl der (produktiven) Menschen. (Siehe dazu auch die 2. Grafik).
    Im Jahr 1 unserer Zeitrechnung verfügte Asien über 70 Prozent der Weltbevölkerung und besaß damit einen Anteil an der Weltwirtschaft von 70 Prozent.
    Nord- und Südamerika waren vergleichsweise dünn besiedelt.
    Europa hatte zur Zeit der Römer einen Anteil von weniger als 20% der Weltwirtschaft. Dieser Anteil sank im folgenden Jahrtausend mit dem Zerfall des Römerreichs auf 15%.

    In der Zeit zwischen 1000 und 1500 festigten die Chinesen die Zentralgewalt (Ming-Dynastie) und isolierten sich zunehmend von der Welt. Europa ging den umgekehrten Weg: Seine Zentralgewalten waren schwach und die Küstenvölker machten sich auf Raub- und Entdeckerfahrten.

    Im Zeitalter der Industrialisierung steigerte der Kapitalismus die Arbeitsproduktivität und bewirkte so, dass Europa (und nachfolgend die USA) mit vergleichsweise wenig produktiven Menschen einen deutlich höheren Output erreicht als alle anderen Regionen der Welt.

    Dieses „europäische Zeitalter“ erreichte seinen Gipfelpunkt im Jahr 1913, als Europa 47% der globalen Wirtschaftsleistung stellte. Von da an ging’s mit Europa (im Vergleich mit anderen Regionen) bergab. Heute stellt Europa noch 25% der Weltwirtschaftsleistung.

    Das relative wirtschaftliche Gewicht der USA (mit Lateinamerika) erreichte 1950 seinen Höhepunkt mit rund 35% Anteil an der Weltwirtschaft. Heute beträgt der amerikanische Anteil an der Weltwirtschaft noch rund 27 %.

    Auf dem europäisch-amerikanischen Gipfelpunkt 1950 produzierten und erwirtschafteten diese beiden Regionen mehr als 70 % der Weltwirtschaft. Durch den Aufstieg Asiens (erst Japan, dann China) reduzierte sich das europäisch-amerikanische Gewicht in der Weltwirtschaft auf aktuell rund 50%. Mit weiterem Rückgang ist zu rechnen.

    2. Weltbevölkerung
    Die regionale Verteilung der Weltbevölkerung zeigt weniger starke Ausschläge als die Summe der Wirtschaftsleistungen, aber auch hier ist das Jahr 1913 das Jahr der europäischen Wende.

    [image]


    3. Wachstumsraten

    Ausgangspunkt der Überlegungen ist das unterschiedliche Gewicht verschiedener Regionen der Welt im Lauf der Geschichte. Wovon hängt nun die Größe einer Volkswirtschaft ab?
    Die Größe einer Volkswirtschaft ist im wesentlichen von zwei Faktoren abhängig: Von der Größe seiner (produktiven) Bevölkerung und von der gegebenen Arbeitsproduktivität.
    Die Steigerung der Arbeitsproduktivität brachte Europa mit einem Bevölkerungsanteil von gut 20 Prozent einen Anteil an der Weltwirtschaft von fast 50%.
    Sobald andere Länder und Regionen die in Europa entwickelte Produktionstechnik übernahmen, konnten sie den europäischen Vorsprung aufholen – dies um so mehr, als ihre nachholende Entwicklung technische Umwege und Sackgassen vermeiden konnte.
    Die kapitalistischen Nachzügler erreichen Wachstumsraten, die ihren kapitalistischen Vorläufern verwehrt waren.
    Das Wilhelminische Deutschland entwickelte sich rascher als sein Vorbild England. Die Wirtschaft der USA wuchs schneller als die Europas. Die Sowjetunion entwickelte sich zeitweilig schneller als Westeuropa. Japans Wachstum übertraf das Tempo der US-Wirtschaft. Von 1950 bis 1970 stieg die Wirtschaftsleistung Japans pro Kopf um 168 Prozent.
    In den letzten 30 Jahren hat China alle bisherigen Rekorde der Wirtschaftsgeschichte in den Schatten gestellt. In den gut 32 Jahren von 1990 bis 2012 wuchs die chinesische Wirtschaft pro Kopf um 300 Prozent.

    Die folgende Grafik zeigt das regionale Wirtschaftswachstum pro Kopf seit dem Jahr 1700:

    [image]

    In (Nord)Amerika stieg im 19. Jahrhundert (1820 – 1913) die Arbeitsproduktivität schneller als die Bevölkerung. Damit wurde ein durchschnittliches Pro-Kopf-Wachstum von 1,5 Prozent erreicht.

    Das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum in Europa blieb zwischen 1820 und 1913 bei nur einem Prozent. Nach zwei verheerenden Kriegen und etlichen Krisen wurde erst der Zeitraum zwischen 1950 und 1970 zum „goldenen Zeitalter“ des europäischen Kapitalismus, als die Wachstumsrate pro Kopf knapp 4 Prozent erreichte. Zum Vergleich die anderen Wachstumsraten zwischen 1950 und 1970: Amerika und Afrika knapp 2%, Asien gut 3%.
    Seit diesem Gipfelpunkt geht es mit den Wachstumsraten in Europa abwärts.

    Seit 1970 lagen die Wachstumsraten in Asien deutlich über dem Wirtschaftswachstum von Europa und von Amerika.

    Der globalisierte Kapitalismus entwickelt die Arbeitsproduktivität in der Peripherie schneller als in den alten Metropolen. Die Arbeitsproduktivität in den einzelnen Regionen wird zunehmend ausgeglichen. Der Produktivitätsvorsprung der kapitalistischen Metropolen des 19. und 20. Jahrhunderts schwindet. Bei mehr oder minder gleicher Produktivität entscheidet zunehmend die Anzahl der (produktiven) Bevölkerung über die Wirtschaftskraft eines Landes. Das ist der Entwicklungstrend der letzten 50 Jahre.

    Thomas Piketty wagt auch eine Prognose für die Wachstumsraten vom Jahr 2012 bis zum Ende des 21. Jahrhunderts.
    Nach dieser Prognose wird sich die Verlagerung des Kapitalismus aus den Kernzonen in die Peripherie weiter fortsetzen. Das wirtschaftliche Gewicht der USA, vor allem aber von Europa wird im Vergleich zu anderen Regionen weiter abnehmen.

    In Summe sieht das globale Wirtschaftswachstum bei Piketty folgendermaßen aus:


    [image]


    Nach dieser Prognose erreicht der globale Kapitalismus seinen Entwicklungshöhepunkt in den vor uns stehenden Jahren (2012 – 2030). Der Schwerpunkt des globalen Kapitalismus liegt dann in Asien und Afrika. Diese beiden Weltregionen könnten ihr „Goldenes Zeitalter“ erleben.
    Für Europa und wohl auch für Nordamerika liegt die goldene Zeit unwiederholbar hinter uns.
    Ab 2030 ist dann die asiatische und – etwas später – auch die afrikanische Blütezeit vorbei.

    Diese optimistische Prognose von Piketty kann aus meiner Sicht durch Kriege, Krisen und Naturkatastrophen schnell eingetrübt werden,
    meint frosch

    ---
    井底之蛙

    

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  • froschgrafik: Aufstieg und Niedergang des (europäischen) Kapitalismus - frosch, 31.03.2014, 08:58

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