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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Das oekonomische Zitat (92); heute: Max Wirth zum Geld

    verfasst von Zandow E-Mail, Heidenau/Sachsen, 22.03.2014, 23:02

    Hallo Gemeinde,


    heute aus einem alten Buch mal ein längeres Zitat:


    "Sklaven waren auch bei den alten Germanen ein beliebtes Tauschmittel bei Käufen von hohem Werte, wie z.B. römische Waffen und Rüstungen. Auch war der Wert der Sklaven in den Rechtsbüchern genau bemessen, indem für einen getöteten Sklaven fakultativ eine bestimmte Entschädigung in Geld oder in einer Anzahl von Rindern festgesetzt war. Außer Rindern und Sklaven bedienten sich die Germanen als Tauschmittel auch der Häute, des Pelzwerkes und des Bernsteins. Die häufig in den Gräbern des Nordens und Nordostens gefundenen Hals- und Armringe dienten nach den alten Nordlandsagen häufig als Zahlungsmittel. Die Armringe bestanden aus längeren Spiralen, welche zuweilen den Arm als Schutz dienten. Von diesen wurden je nach Bedarf größere oder kleinere Stücke als Tauschmittel oder Geschenke abgehauen, wovon freigebige Fürsten im Norden den Spitznamen „Ringbrecher“ erhielten. Diese Goldringe und überhaupt das Gold zu diesem und anderen Geschmeide scheinen durch den Bernsteinhandel aus Griechenland und Kleinasien gekommen zu sein und bildeten, unseren Barren vergleichbar, das älteste deutsche Handelsgeld. Auch die ersten wirklichen Münzen, welche Bodenfunde lieferten, waren altgriechischen und ägyptischen Ursprungs.

    Noch in späterer Zeit galt sowohl in Russland wie in Dänemark und auf Island Getreide und Brot als Tauschmittel. Auch von den alten Persern wird dies berichtet. Salz ist in der ältesten bis in die neueste Zeit als Tauschmittel in Anwendung gewesen, ebenso Kupfer, Eisen und Zinn, Wolle, Tabak und Muscheln. Bei den Tscherkessen waren Rinder bis zur russischen Eroberung noch teilweises Tauschmittel. In den vom Handelsweg entlegeneren Teilen der Vereinigten Staaten von Amerika, sogar in den Goldländern, wird heute noch häufig in Naturalien bezahlt. Die Goldgräber kaufen mit Goldkörnchen, die sie in Lederbeuteln mit sich führen, nach dem Gewicht. In rein Ackerbau treibenden Territorien Nordamerikas werden heute noch Zeitungsverleger und Ärzte mit Fleisch, Mais, Weizen, Tabak und anderen Naturalien bezahlt, weil das Land noch zu arm an Geld ist. Dieses Verfahren grenzt eigentlich an den alten reinen Tauschhandel, von welchem noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Inseln des Stillen Ozeans folgendes interessante Beispiel vorgekommen ist, welches ich hier aus meinen „Grundzügen der Nationalökonomie“ ziehe.

    „Der reine Tausch der Naturalien ohne Vermittlung des Geldes kommt noch vielfach in neuen Ansiedlungen vor. Eine der anschaulichen Schilderungen dieses Zustandes findet man in dem Briefe einer Sängerin des „Theatre Lyrique“ in Paris, Frl. Zelie, welche das Abenteuer gewagt hatte, in den 1880er Jahren auf den Inseln des Stillen Ozeans Konzerte zu geben. Gestern, heißt es darin, hat der König Makea zum drittenmale persönlich unserem Konzerte beigewohnt. Er ist von schönstem Schwarz und hat in seinem Palast, wenn man eine Bambusrohrhütte so nennen darf, auf dem Kruzifix, welches die Missionäre im Jahre 1857 zurückließen, auch den Heiland schwarz anstreichen lassen. Man muß den unermeßlichen Stillen Ozean durchschifft haben, um solche Dinge zu sehen. Unser Konzertsaal war ein großer Schuppen, in dem man lange getrocknete Fische aufbewahrt hatte. Die Fische sind fort, aber der Geruch ist geblieben. Indessen war weder dem Palast Seiner schwarzbraunen Majestät noch auf der ganzen Insel ein geeigneter Raum für unsere Übungen. Du hast vielleicht in einem Roman von Leon Gozelan die Erzählung einer Schauspieleinnahme in natura gelesen. Dieser Spaß ist uns hier in Wirklichkeit widerfahren. Der König hat aus Mangel an Geld, selbst an kleiner Münze, mit gravirten Kokosnussflaschen bezahlt. Auf der einen befindet sich eine Silhouette; ich hebe sie Dir auf, meine liebe Tante, Du kannst eine Zuckerdose daraus machen lassen, indem Du einen Fuß anbringen läßt. Du wirst Deinen Kaffee trinken können, indem Du daran denkst, daß Deine arme Zelie sie mitten im Archipel geholt hat, den man die „Freundschaftsinseln“ heißt, ohne Zweifel, weil man da nur Wilde antrifft, sowie die benachbarten „Gesellschaftsinseln“ so heißen, weil sie beinahe gänzlich unbewohnt sind. Auf mich fiel, wie Du Dir denken kannst, der größere Teil des Programms, und deshalb kam mir auch der größere Teil der Einnahme zu. Ich erhielt allein ein Drittel, die Campana Fenotti und mein Bruder, unser unermüdlicher Kapellmeister, teilten sich den Rest. So habe ich also im Tausch gegen mein Lied aus der Anna Bollena, für ein Duo der Norma und Adalgisa, für eine Arie aus der Lucia und für die Melodie: „O, welche Lust Soldat zu sein“ als Bezahlung meines Anteils der 860 Billete gestern Abend folgendes einkassiert: 3 Schweine, 23 Welschhühner, 44 Hühner, 500 Kokosnüsse, 1200 Ananas, 120 Maß Bananen, 120 Kürbisse und 1500 Orangen. Was nun machen mit dieser Einnahme? In der Halle von Paris würden sie wohl 4000 Franken wert sein, vorausgesetzt, daß die Kokosnüsse und die Bananen noch in gutem Zustande. 4000 Franken wären nicht über für das Absingen von fünf Stücken, obgleich nach dortigem Maßstabe nicht ganz eine Sau das Lied kommt, aber nicht ganz fünf Welschhühner. Aber hier, wie alles das Zeug wieder verkaufen, wie es zu Geld machen? Die Sache liegt so, daß kaum zu hoffen ist, daß man bei den Insulanern Geld findet, welche das Vergnügen, um zu hören, selbst mit Kokosnüssen und Kürbissen bezahlt haben. Die wenigen Münzen, welche auf der Insel vorkommen, dienen zur Bezahlung der Steuern, weil Seine Majestät Makea sich nicht dazu versteht, daß man seine Kisten mit Gemüse und Geflügel austraffiere. Was ist also mit dieser Einnahme zu machen? Soll ich sie verzehren? Aber überschlage liebe Tante, meine gestrigen Einnahme-Anteil, rechne dazu den der zwei anderen Konzerte und denke ein wenig darüber nach, was Deine arme Zelie mit einem solchen Speisezettel anfangen soll. Man sagt mir, daß ein Spekulant von der benachbarten Insel Mangea (sie verdient ihren Namen, diese Insel, wenn sie meine Beute verschlingt) morgen kommen soll, um mir und meinen Kameraden Kaufofferten in klingender Münze zu machen. Inzwischen geben wir unseren Schweinen, um sie am Leben zu erhalten, die Kürbisse zu fressen, die Puter und die Hühner verzehren die Bananen und Orangen, so daß ich, um den animalischen Teil meiner Einnahme zu erhalten, den vegetabilischen opfern muß.“

    Diese humoristische Schilderung der lustigen Pariserin zeigt einleuchtend, mit welchen Schwierigkeiten der Tausch und die Reproduktion des Kapitals ursprünglich zu kämpfen hatten. Sie macht klar, wie die Gesellschaft bald dahin streben mußte, möglichst dauerhafte Güter als Tauschmittel zu gebrauchen, und wie man wahrscheinlich zuerst darauf kam, die nutzbaren Haustiere als solche zu wählen, weil sie am leichtesten dauernd zu ernähren und durch Nachzucht fortzuerhalten sind, während Getreide sich nur wenige Jahre aufbewahren läßt.

    Im Innern Afrikas sieht es noch ebenso aus. „Die eigentliche Existenz der Völkerschaften an der Westküste Afrikas, erzählt ein neuerer Reisender, beruht auf Tauschhandel. Der Kaufmann führt ganze Schiffsladungen ein von Salz, Pulver, Gewehren, Tabak, Rum, Perlen, Porzellan, Eisenwaren, Zeugen, wogegen der Eingeborene mit seinen Produkten, hauptsächlich Palmöl, Palmkerne, Elfenbein, Gummi, Ebenholz, Farbhölzer und an der Goldküste wohl auch mit Goldstaub bezahlt. Freilich gab es noch vor ungefähr 20 Jahren eine andere Bezahlung der Waren, ich meine den Sklavenhandel, welches System, obschon es im Innern des Kontinents noch in vollster Blüte, so doch, dank Englands unermüdlichem und energischem Einschreiten, für den Handel nach außen insofern gänzlich vernichtet ist, als kein Schiff mehr mit schwarzer Menschenware sich über die Wellen getraut, denn die englischen Kriegsschiffe schwärmen umher wie die Bienen und sind die Instruktionen der Offiziere höchst positiver Art. Die standesrechtliche Todesstrafe ist die unvermeidliche Folge für jeden, der zur See in diesem scheußlichen Gewerbe betroffen wird. Man darf übrigens nicht denken, daß die Sklaverei durch uns Europäer oder Amerikaner in Afrika eingeführt worden sei, im Gegenteil ist sie eine ganz von den Eingeborenen geschaffene Institution und haben dieselben schon von alten Zeiten her ihre Kriegsgefangenen und die in physischer Hinsicht untergebenen Nachbarstämme gegen Geld (resp. Waren) verhandelt, was, wie schon erwähnt, im Innern noch heute tagtäglich geschieht.

    Während im größten Teil des innern Afrikas der Tauschhandel herrscht und Sheffielder und Solinger Waffen, Messer und Werkzeuge, sowie Nürnberger Flitterwaren insbesondere durch die Vermittlung englischer, portugiesischer und hamburger Kaufleute gegen Elefantenzähne, Kokosnüsse u. dergl. direkt ausgetauscht werden, in den Küstenlandschaften dagegen bereits europäische Scheidemünze zirkuliert, gilt im Nigergebirge und in den angrenzenden Gegenden die kleine Porzellanschnecke noch statt Kleingeld. Diese auch Kauri (Cypraea moneta) genannte 1 bis 2 ½ cm große gelblichweiße Schnecke mit unten platter Schale und enger Mündung, deren beide Ränder gezähnelt sind, war schon seit alter Zeit nicht in Afrika, sondern auch in Asien das verbreitetste Scheidemünze-Surrogat. Dieselben werden in großer Menge an der Ostküste Afrikas bei Zanzibar gesammelt und auch von den Engländern noch der Westküste Afrikas sowie nach Hinterindien ausgeführt. 30-40 000 Schnecken gehen auf den Zentner und es werden davon in manchen Jahren 100 000 Zentner gesammelt und in den Verkehr bebracht. An der Westküste dienen sie beim Einkaufen des Palmöls; auch dienen sie beim Umwechseln des Maria Theresienthalers.

    Heute noch besteht das allgemeine Tauschmittel der Pioniere und Pelzjäger Nordamerikas aus Fellen und Pelzen. In den Ländern der Hudsonsbai-Gesellschaft gilt das Biberfell als Werteinheit des Warenverkehrs. Drei Marderfelle gelten soviel als ein Biberfell, ein weißer Fuchs zwei Biber, ein schwarzes Fuchs- oder ein Bärenfell vier Biber und ein Schießgewehr fünf Biber. Im russischen Sibirien bestand vor der Eroberung Russlands durch die Mongolen eine ganz eigentümliches Geldsurrogat, welches bis nach Nowgorod Eingang fand. Wahrscheinlich um das Abnutzen der Felle zu verhüten, war der Gebrauch aufgekommen, als Repräsentant der ganzen Zobelfelle nur die Schnauzen, welche mit einem Stempel versehen wurden, zirkulieren zu lassen und nur beim wirklichen Umsatz die Felle auszuliefern, welche in von der Obrigkeit beaufsichtigten Magazinen aufbewahrt wurden. Als die mongolischen Eroberer diese Art von Kreditgeld nicht anerkennen wollten, brach eine Art Staatsbankrott aus, worauf man im Nordosten wieder zu den effektiven Tierfellen zurückkehren musste, während im übrigen Reiche das Silbergeld Eingang fand.

    Salz wird an der chinesisch-birmanischen Grenze wie im Innern Afrikas noch als Tauschmittel gebraucht. Ein Reisender fand bei den Mandingos den Wert einer Salztafel von der ungefähren Größe eines Backsteins gleich einem Pfund Sterling. In Darkulla in Afrika hatte nach Ritter ein vierzehnjähriger Sklave den Wert von 12 Pfund Salz.

    Auch in Abessynien werden noch Salzbarren und in Hochasien Theeziegel als Geld gebraucht. Die Chinesen verwandten sie zuerst als Truppensold für die Mongolen. Die alten Mexikaner gebrauchten Kakaobohnen in Säckchen zu 24 000 Stück, Baumwollenzeug und Goldstaub in Federkielen.

    Hier verdient auch der am 19. Mai 1883 vom französischen Parlament angenommene Gesetzentwurf Erwähnung, nach welchem der Kriegsminister ermächtigt wurde, der Expedition Brazzas im Innern Afrikas 100 000 alte Steinschlossgewehre unentgeltlich zu überlassen, weil dieselben in Zentralafrika als Umlaufmittel gleich Geld angenommen würden.“

    (fett von mir)
    Quelle: Max Wirth "Das Geld. Geschichte der Umlaufmittel von der ältesten Zeit bis in die Gegenwart", G. Frytag, Leipzig 1884
    (Bibliothek Zandow)


    Allseits einen guten Sonntag wünschend, Zandow

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    Nuclear power? Yes please!

    

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  • Das oekonomische Zitat (92); heute: Max Wirth zum Geld - Zandow, 22.03.2014, 23:02

Wandere aus, solange es noch geht.


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