Das Gelbe Forum Forum nach Zeit sortieren Forum nach letzter Antwort sortieren die 150 neuesten Beiträge
Forum-Menü | Fluchtburg autark am Meer | Goldpreis heute | Bücher vom Kopp-Verlag
ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    Griechenland – mal wieder ein Bericht

    verfasst von Gaby, 18.01.2013, 09:07
    (editiert von Gaby, 18.01.2013, 09:11)

    Moin,

    nach längerer Zeit mal wieder ein Bericht aus Griechenland. Zur wirtschaftlichen Lage gibt es eigentlich weiterhin erst mal nur Gruselzahlen zu berichten. Das Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels lag bei acht Milliarden Euro – gegenüber 20plus (weiß die genaue Zahl nicht mehr) in 2008. Jetzt ist Winterschlussverkauf mit Preisen, die unglaublich sind. Alles muss raus, Nachlässe bis 80 Prozent sind drin. Und das bei einem ohnehin Tiefstpreis-Niveau. Rabatte auf Möbel und Elektrogeräte dauerhaft und nicht nur im Ausverkauf bei rund der Hälfte. Wenn Du den Laden betrittst, kommt sofort einer auf Dich zu gestürzt und erklärt Dir „vergessen Sie das Preisschild. Sagen Sie mir einfach, was Ihnen gefällt – und ich mache Ihnen einen guten Preis. So geschehen beispielsweise vor ein paar Tagen: Wir haben uns neue Stühle für den Esstisch gegönnt. Normalpreis 200 Euro pro Stück (sind echt schön und super verarbeitet). Gekauft für 80 Euro das Stück. Allerdings eben ausschließlich bei den griechischen Unternehmen, nicht bei etwa MediaMarkt oder Ikea. Die beharren auf ihren international gesetzten Preisen – und sind entsprechend leer. Leider bleiben auch die Preise für Lebensmittel, Kosmetika, Waschmittel etc. auf hohem Niveau. Das liegt am kartellmäßig organisierten Markt hier und es ist leider noch immer nicht abzusehen, dass dieser aufgebrochen wird.

    Ausweichmöglichkeit besteht auf den Wochenmärkten, und die sind gesteckt voll. Auffällig: Selbst an den Ständen dort steht nun überall eine Kasse, die Quittung wird einem schier aufgedrängt. Doch dazu später noch mehr.

    Finanziell geht es den Leuten absolut dreckig. Und es wird noch schlimmer werden, denn die nun beschlossenen weiteren Kürzungsmaßnahmen, sowie die neuen Steuergesetze sind ja erst im Januar in Kraft getreten. So wird ab einem Jahreseinkommen von 42.000 Euro knapp 50 Prozent Steuer fällig (zusätzlich zu den drastisch erhöhten und neuen Steuern wie auf Immos, Heizöl (Preis 1,40), Autos und zu den jetzt steigenden Stromkosten (in drei Schritten um 20 Prozent). In meinem Bekanntenkreist ist kaum noch eine Familie, die in der Lage ist, ihre Kosten inclusive der Steuern zu bezahlen. Jeden Monat wird irgendetwas nicht bezahlt, geschoben etc. Meist sind es dann natürlich die Steuern oder Versicherungen.

    Nebenbei: So viel auch zu der Aussagekraft von offiziellen Inflationsraten: Offiziell hat Griechenland noch immer eine Inflationsrate von zwei Prozent und das bei einem überall zu besichtigenden deflationären Crash. Es gibt mittlerweile genügend Arbeitskräfte, die sich für 25 Euro am Tag „verkaufen.“ Im Gastronomiebereich oder auf dem Bau. Nicht schwarz! Legal! Die Haus- und Grundstückspreise sind nicht mehr im freien Fall – der Markt funktioniert gar nicht mehr. Wer kaufen kann, bestimmt den Preis. Zwei Beispiele, die ich aufgrund von Ortskenntnissen sehr gut einschätzen kann. Haus in Ferienregion, wunderschöne Lage, drei km vom Strand, altes Steinhaus in Mitten eines Olivenhaus, liebevoll und sehr geschmackvoll restauriert mit allem Drum und Dran, Kamin, moderne Küche, weinberankte Terrasse mit Blick aufs Meer. Vor vier Jahren wäre das Haus schmerzlos für 450.000 Euro sofort weg gegangen (da wirklich zauberhaft). Heute findet sich bei 170.000 geforderten Euros noch immer keiner, der zuschlägt. Oder, anderes Beispiel. 10 ha Land (Bauland!), innerhalb einer Ortsgrenze (d.h. Du kannst so viel und so groß bauen, wie Du willst) mit Seeblick und Blick auf die Kleinstadt (kleiner Hafen, nette Tavernen etc). Vor vier Jahren wären das locker 800.000 bis 1 Mio Euro gewesen, die dafür gezahlt worden wären. Heute ist die Preisvorstellung 300.000 und der Käufer wäre froh, die Hälfte zu bekommen.

    Gott sei Dank ist Petrus bislang gnädig. Der Winter ist sehr mild bislang. So muss man kaum heizen, wenn man einen warmen Pullover hat, man heizt dazu mit Strom und Kamin (wer hat) und kommt so halbwegs über die Runden. Wäre dieser Winter so kalt, wie der letzte, wäre bereits eine Kälterevolution ausgebrochen, meine ich. So ist die Heizsituation wenigstens halbwegs erträglich – nicht für alle, aber für doch noch immer die meisten. Und in sechs Wochen steigen die Temperaturen eh wieder verlässlich, das ist eine überschaubare Frist, selbst wenn es jetzt kalt würde. Derzeit sind hier in Saloniki so um die 10 Grad tagsüber. Trotzdem glaube ich, dass wir so im Mai/Juni an einem kritischen Punkt stehen werden. Es ist noch nicht ausgemacht, dass die Leute so lange mit machen, bis es wieder besser wird – und dafür sehe ich durchaus erste Anzeichen, aber dazu später.

    Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordhoch, von drei Griechen im arbeitsfähigen Alter ist einer arbeitslos. Bei den Jugendlichen ist es jeder zweite. Wer kann, geht. Stellt sich die Frage: Wer hat überhaupt noch einen Job, wer hat noch Arbeit? Vielleicht als kleine „Lehre“ ganz interessant. Also: Von den Selbständigen und Unternehmen ist heute noch im Rennen, wer bereits vor Ausbruch der Krise gut aufgestellt war (d.h. Organisation des Unternehmens, Marke, Marktzugang, Lieferanten- und Kundenbeziehungen etc), Produkte oder Dienstleistungen anbietet, die nicht oder nicht so stark vom Konsum abhängen, keinen hohen Kreditbedarf hat (das betrifft auch bei gesunden Unternehmen beispielsweise Vorfinanzierungen, leider gehen im Moment auch reihenweise Unternehmen pleite, auf die alles andere zutrifft, die aber von den Banken in den Ruin getrieben werden, wegen der Kreditklemme) – und wer trotz aller Widrigkeiten sogar noch auf ausstehende Zahlungen in teilweise exorbitanter Höhe gelassen warten kann, weil der Zahlungsfluss komplett zusammen gebrochen ist. Gezahlt wird nie pünktlich (und manchmal sowieso gar nicht) und bei Freiberuflern häufig auch abschließend nicht die vertraglich vereinbarte Summe (Motto: Friß oder stirb).

    Angestellte betrifft dies natürlich analog: Wer das Glück hat, in einem vorbeschriebenen Unternehmen zu arbeiten, hat noch einen Job (bei allerdings drastisch gekürzten Löhnen und Gehältern). Die anderen nicht mehr. Schwarzarbeit gibt es natürlich nach wie vor (sie macht bei den niedrigen Löhnen und Gehältern sowie die erneut deutlich erhöhten Steuern für Gewerbe und Unternehmen auch mehr als Sinn) aber sie boomt nicht. Weil es einfach keine Arbeit gibt. Und die typischen Schwarzarbeits-Sektoren wie Bau und Handwerk sind tot.

    Und jetzt die Neuigkeit, die vielleicht erstaunen wird: Ich glaube, dass wir das Schlimmste bald überstanden haben, wenn wir den Mai/Juni überstehen. Zumindest besteht aus meiner Sicht die begründete Hoffnung, dass 2013 das letzte Krisenjahr sein wird, vielleicht geht es sogar schon im vierten Quartal wieder aufwärts, bzw. wird eine Stabilisierung erkennbar. Das betrifft natürlich nur die Lage in Griechenland – wenn jetzt noch externe Schocks wie ein Krieg oder so dazu kommen, dann keine Ahnung.

    Die politische Lage ist nach wie vor instabil, wenn auch mit der Tendenz zur Besserung. Denn natürlich meutern die Leute und stöhnen – meinen aber zunehmend, die Regierung mache einen ganz ordentlichen Job (wenn auch die Politiker selbst nach wie vor Null Glaubwürdigkeit haben, siehe „Lagarde-Liste-Skandal“, aber diese Schizophrenie kennt man ja auch aus Deutschland). In Umfragen legt die Nea Demokratia wieder zu, Syriza verliert. Das liegt u.a. auch daran, dass die Lichtgestalt Tsipras derzeit ordentlich Kreide gefressen hat. Ein Volkstribun redet jedenfalls anders. Das Scharfe überlässt er seinen Parteikollegen, die dürfen schon mal auf den Putz hauen. So etwa anlässlich der Schüsse vor ein paar Tagen auf das Hauptquartier der Nea Demokratia (frühmorgens, keiner wurde verletzt, war ja keiner da). Die fielen original an dem Tag, an dem im Parlament Gesetze verabschiedet wurden, die das versilbern von Staatseigentum ermöglichen/erleichtern. Für die Menschen hier war das ganze ein relativ albernes Manöver, um die Aufmerksamkeit davon weg zu lenken). Das auszusprechen, hat Tsipras Manolis Glesios überlassen, einem Volksheld, der damals die Naziflagge von der Akropolis runtergeholt hat. Tsipras selbst eiert rum (nicht nur dabei) und das nehmen die Leute zunehmend krumm (Motto: Der ist auch nicht besser ....).

    Trotzdem ist auch hier die Messe noch nicht gesungen. Der Skandal um die „Lagarde-Liste“ hat durchaus Potenzial, die Regierung zu Fall zu bringen. Um was es geht, steht hier. Ich will das nicht auch noch aufschreiben, sonst wird das hier endlos. Denn wenn Papakonstantinou einfährt, dann macht der eher den Mund auf – und das wird dreckig. Um Tsipras ranken sich auch darüber hinaus noch schwerwiegenden Gerüchte. So wird behauptet, dass er sich für seine Kampagne für die Wahlen letzten Jahres von einer US-amerikanischen Firma hat beraten lassen, die einen Connex zu Hillary Clinton hat. Da sind die Griechen durchaus sehr empfindlich .... Wie gesagt: Anzeichen einer politischen Stabilisierung, aber der Käs ist noch nicht gegessen. Es kann auch noch immer anders kommen.

    Positiv zu berichten ist auch, dass die Modernisierung der Verwaltung große Fortschritte macht. Die Steuerverwaltung ist nun in der Lage, auf Knopfdruck jegliche Daten eines Steuerpflichtigen zusammen zu ziehen. Die Bilder, die ja quasi „um die Welt gingen“, aus dem Athener Finanzamt, in dessen Keller die Akten verrotten, gehören definitiv der Vergangenheit an. Allein durch die Umstellung der KfZ-Steuer auf ein rein online-gestütztes System brachte mehr Steuereinnahmen, als letztes Jahr – und das, obwohl doch wieder zum Jahreswechsel so viele Autos stillgelegt wurden.

    Auch bei den Steuersündern und Schwarzgeldkönigen herrscht derzeit Stress. In diesen Tagen sind Briefe an alle Steuerpflichtigen raus gegangen, die in den Jahren seit 2005 mehr Geld ins Ausland transferiert haben, als sie nach der offiziellen Deklaration in GR verdient haben. Eine Software ist über alle Bankkonten gelaufen und hat die entsprechenden Leute rausgefiltert (kleiner Joke am Rande: Ich habe auch so ein Schreiben gekriegt – das Geld stammte aus dem Hausverkauf in D und hat natürlich das griechische Bankensystem wieder verlassen. Stressfrei also ☺ ) . Aber: Ich bin der lebende Beweis dafür, dass da wirklich was passiert! Wer so ein Schreiben bekommt, hat 20 Tage Zeit zu erklären, woher das Geld stammt (online, versteht sich) und wer das nicht tut, bekommt einen Steuerbescheid über die Summe, plus noch mal eine saftige Strafe in Höhe von 20 Prozent der Gesamtsumme).

    Die Steuer wird auch nun wirklich konsequent eingetrieben. Überall bekommt man eine Quittung quasi aufgedrängt. Neulich an der Souflaki-Bude: Für sechs Euro was auf die Hand gekauft - ich wollte die Quittung liegen lassen. Der Besitzer guckt mich panisch an und bekniet mich, sie einzustecken. Grund: Vor den Läden (und vor Arztpraxen .... überall) sind Steuerleute und sprechen die Kunden/Patienten auf eine ausgestellte Quittung an. Kann man die nicht vorzeigen, gehen die zum Ladenbesitzer oder Arzt und nehmen den auseinander. Seit Vorgestern neues Gesetz: Jeder Laden ist verpflichtet, ein Schild (in Griechisch und Englisch) auszuhängen. Das Lautet: "Wird Ihnen in diesem Laden keine Quittung ausgehändigt, sind Sie berechtigt, die Ware zu nehmen und ohne zu bezahlen zu gehen"

    Köstlich ist auch, was sich so im Bereich Verwaltungswasserkopf tut. Beispielsweise ist Anfang Januar ein Gesetz in Kraft getreten, dass es allen Unternehmen, Betrieben, Freiberuflern, Gewerbetreibenden nunmehr frei stellt, in einer entsprechenden Kammer organsiert zu sein. Früher war dies (wie auch in D heute) Pflicht. Ein Aufschrei! Die Verwaltungen haben mächtig Druck in Athen gemacht, dass so ja dann wohl keiner mehr zahlen würde. Nüchterne Antwort von dort: Dann müsse man halt seitens der Kammern das Serviceangebot so attraktiv gestalten, dass die Leute freiwillig und gerne Mitgliedsbeiträge zahlten. Ende der Durchsage.

    Das, was da gerade potenziell entsteht, ist tatsächlich eine funktionierende und schlanke Verwaltung. Natürlich sind das Ansätze, Anfänge. Ich behaupte ja nicht, dass das alles übermorgen schon perfekt ist. Aber es geht eben los.

    Interessant ist auch, was man so zum Thema Investitionsklima hört. Es tut sich was. Und das sind keine Dinge, die ich jetzt aus den Medien abgepinnt habe, sondern die ich aus meinem unmittelbaren Freundes- und Bekanntenkreis höre. Auf der „übergeordneten“ Ebene stehen offenkundig die Zeichen auf „Deutliches Interesse.“ Das betrifft Investitionen in einen hochwertigen Tourismus, aber auch in Industrieproduktion. Zu verdanken ist dies u.a. den deutlich entstaubten und entrümpelten Arbeitsgesetzen (schlussendlich haben wir jetzt hier Hire und Fire) und natürlich den so gnadenlos zu Boden geprügelten Löhnen und Gehältern. Verbunden mit prallvollen EU-Fördertöpfen, natürlich auch das. Es ist alles „kurz vor Go“. Aber das, was ich zu spüren meine, merken natürlich auch andere. Es ist noch so eine abwartend-gespannte Haltung, wie die nächsten Monate verstreichen.

    Fazit: Es bleibt spannend und wir sind noch nicht durch. Es besteht aber – das erste mal seit sechs Jahren – Aussicht auf Besserung. Die Frage wird nur sein, wie schnell die Lage (und die Stimmung) sich bessert – und ob die breite Masse noch so lange durchhält oder ob es vorher doch noch knallt.

    Abschließend noch eine sehr persönliche Bemerkung, verbunden mit einer Bitte. Ich habe dieses lange Posting auch deshalb verfasst, weil ich damit ein paar Schreiber ins Gelbe zurück locken möchte, die ich vermisse (samt der Themen, die sie vertreten). Ich bleibe mal bewusst abstrakt, aber wer sich angesprochen fühlt, weiss, was ich meine. Für mich (das ist individuelles Interesse, kein „Richterspruch“!!!) haben in der letzten Zeit Threads das Gelbe dominiert (das Betrifft die Themen und auch die Diktion, den Stil), die mich nicht mehr wirklich hinter dem Ofen hervor gelockt haben. Deshalb war ich auch so leise. So will ich zwei Dinge erreichen: Natürlich mal wieder eine Griechenland-Depesche absetzen – und ein wenig locken.

    Viele Grüße

    Gaby

    ---
    "Das Dumme an Internetzitaten ist, dass man nie weiß, ob sie auch stimmen." Leonardo da Vinci

    

    gesamter Thread:

  • Griechenland – mal wieder ein Bericht - Gaby, 18.01.2013, 09:07

Wandere aus, solange es noch geht.


CoinInvest – Ihr Edelmetallhändler







Michael Grandt
Die Grünen
vonMichael Grandt
Preis: 22,95 EUR







Udo Ulfkotte
Mekka Deutschland
vonUdo Ulfkotte
Preis: 19,95 EUR
430307 Postings in 52349 Threads, 933 registrierte Benutzer, 1634 User online (13 reg., 1621 Gaeste)

Das Gelbe Forum: Das Forum für Elliott-Wellen, Börse, Wirtschaft, Debitismus, Geld, Zins, Staat, Macht (und natürlich auch Politik und Gesellschaft - und ein wenig »alles andere«) | Altes Elliott-Wellen-Forum

Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahren Sie alles zum Datenschutz