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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    froschgrafik: Outsourcing der kapitalistischen Krise - Staatsanleihen und Staatsquote 1870 - 2010

    verfasst von frosch, 25.07.2012, 11:44
    (editiert von frosch, 25.07.2012, 12:00)

    Als Outsourcing bezeichnen Ökonomen die Auslagerung von Unternehmungsaufgaben an Dritte, oftmals einen Subunternehmer.

    Betrachten wir zunächst die obere Grafik zu den Renditen 10jähriger Staatsanleihen.

    [image]

    Im Vergleich zur Vergangenheit sehen die gut 7 Prozent Zinsen, die Italien und Spanien für neue Staatsanleihen zahlen müssen, keineswegs katastrophal aus. Es hat in der Geschichte der kapitalistischen Staaten weit höhere Zins-Ausschläge gegeben, ohne dass die kapitalistische Welt unterging. Wer jedoch aus den zehn Jahren zwischen 1995 und 2005, als die Zinsen für Staatsanleihen verschiedener Staaten in einem engen, gemeinsamen Kanal blieben, schließen will, dass das für immer und alle Zeiten so zu bleiben muss, der ist sträflich naiv.

    Doch niemand kann aus den größeren Finanzkatastrophen der Vergangenheit Optimismus für die Gegenwart schöpfen. Tatsächlich sind die Finanzen der traditionellen kapitalistischen Staaten prekärer als jemals zuvor. Das ergibt sich aus der unteren Grafik zur Staatsquote.

    Der Staat übernahm im modernen Kapitalismus zunehmend mehr Aufgaben – Aufgaben, deren sich die kapitalistischen Unternehmen entledigt haben.

    In der vorkapitalistischen Gesellschaft wurden alle Lebensrisiken (Hunger, Obdachlosigkeit, Krankheit, Alter etc.) von der Familie getragen – und soweit die Familie (in Landwirtschaft und Handwerk) auch eine betriebliche Einheit bildete, soweit waren diese Lebensrisiken Aufgabe des Familienbetriebs. Das einzige Lebensrisiko, um das sich Staat und Regierung kümmerten, war der Krieg. Und dieses Kriegsrisiko wurde von den Staatsvertretern niemals minimiert, sondern regelmäßig maximiert.

    Outsourcing der kapitalistischen Arbeitsrisiken
    Im modernen Kapitalismus wurden die kleinen Eigentümer weitgehend proletarisiert. Früher machten sie 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus, heute sind es noch 10 Prozent. Die große Mehrzahl verlor ihre Existenzmittel und ist auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen. Damit fielen ihre Lebensrisiken in die Verantwortung des kapitalistischen Unternehmens, für das sie arbeiteten.
    Große kapitalistische Unternehmen unterhielten auch betriebliche Kranken- und Rentenkassen. Viele Lohnarbeiter zahlten aus ihrem Lohn für selbstverwaltete Sterbe- und Arbeitslosenkassen. Diese „toten Kosten“ wurden von den Kapitalisten zunehmend auf den Staat ausgelagert. Der Staat wurde immer mehr zum Subunternehmer, der die Kapitalisten von den Sozialkosten befreite. Die Kapitalisten haben die Risiken der Lohnarbeit (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter etc.) erfolgreich outgesourct. Das ist das Geheimnis der steigenden Staatsquote.

    Outsourcing der kapitalistischen Krisen
    Zum Outsourcing der Lohnarbeiterrisiken gesellte sich das Outsourcing der kapitalistischen Krisenfolgen.
    Ein Meilenstein dieser Entwicklung war der Keynesianismus, der dem Staat die Aufgabe übertrug, für neue Nachfrage zu sorgen, wenn die private Nachfrage erlahmte.

    Die gesamte Staatstätigkeit sollte darauf ausgerichtet werden, die störenden Konjunkturschwankungen zu beseitigen und den Kapitalisten wenn nicht ständig wachsende, so doch stetig fließende Profite zu garantieren. Auch das musste notwendig die Staatstätigkeit ausweiten und die Staatsquote erhöhen.

    Der vordergründige Streit zwischen dem Neoliberalismus und dem Keynesianismus, wodurch kapitalistische Profite besser gesichert werden können, wurde durch die Finanzkrise 2008 auf absehbare Zeit entschieden. Niemand spricht es aus, aber faktisch gibt es nur unter den westlichen Politikern nur noch Keynesianer.
    In der Krise von 2008 wurden in den USA und in Europa Teile der schwächelnden Autoindustrie und viele marode Banken vom Staat übernommen. Die Regierungen erst in Island, Irland und Griechenland und nun in Spanien und Italien gerieten dadurch in Schieflage. Immer neue „Rettungsschirme“ und staatliche Finanzspritzen stützen direkt und indirekt privatwirtschaftliche Risiken. Das bringt immer mehr Regierungen an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

    Hier kommt das fröhliche kapitalistische Outsourcen bald an einen toten Punkt.
    Der bürgerliche Staat hat in den letzten 100 Jahren von den Privatunternehmen immer mehr wirtschaftliche Aufgaben übernommen – vor allem Aufgaben, die wenig profitabel sind. Das hat die Staatsquote und die Staatsausgaben ständig erhöht. Seit der Krise von 2008 lagern die Kapitalisten nicht nur wirtschaftliche Aufgaben, sondern sogar ihre privatwirtschaftlichen Schulden an den Staat aus.

    Das Staatsgebäude wird scheinbar immer mächtiger, gleichzeitig aber zunehmend brüchiger und muss immer neue Lasten tragen. Da muss man kein Prophet sein, um einen großen Krach vorherzusehen.


    Gruß frosch

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    井底之蛙

    

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  • froschgrafik: Outsourcing der kapitalistischen Krise - Staatsanleihen und Staatsquote 1870 - 2010 - frosch, 25.07.2012, 11:44

Wandere aus, solange es noch geht.


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