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ZITAT »Wir ersticken in der Datenflut.«

    froschgrafik: Deutschland und die Eurozone

    verfasst von frosch, 10.07.2012, 08:44
    (editiert von frosch, 10.07.2012, 08:51)

    Angeblich entscheiden derzeit deutsche Verfassungsrichter über das europäische Projekt. Das kann nur jemand glauben, der meint, dass der juristische Schwanz den politischen Dackel bewegt. Je undurchsichtiger die Entscheidungsprozesse in Brüssel sind, desto mehr wird das „vereinte Europa“ zur Projektionsfläche politischer Phantasien.

    Die „antiimperialistische Linke“ sieht in Europa ein deutsches Hegemonieprojekt, mit dem durchgesetzt werde, was Hitler mit seinem von Deutschen beherrschten Kontinent nicht geschafft hat. Gleichzeitig behaupten Rechte, das vereinte Europa sei die ewige Rache für die nationalsozialistischen Verbrechen, damit Deutschland der Zahlmeister für das Luxusleben der Nachbarn bleibe.

    Schauen wir auf die Fakten. Zunächst ist es Fakt, dass die EU und die Euro-Währungsunion nicht identisch sind. Die EU besteht seit 2007 aus 27 Mitgliedsstaaten. Davon benutzen ganze 17 Länder den Euro als Gemeinschaftswährung. Nicht einmal das scheinen Besserwisser in Deutschland zu wissen, wenn sie der griechischen Syriza Illusionen vorwerfen, weil diese linke Partei für Griechenland den Ausstieg aus dem Euro, aber den Verbleib in der EU fordert.

    Schauen wir weiter auf die Fakten. Das Gezerre um Euro-Rettungsschirme betrifft also nicht die gesamte EU, sondern die 17 Länder der Eurozone. Dennoch werden alle Entscheidungen, die den Euro und die Schuldenverteilung betreffen, innerhalb des europäischen Rahmens diskutiert und beschlossen. Länder wie Großbritannien, Dänemark und Schweden, die langjährige Mitglieder der Union sind, ohne den Euro zu benutzen, entscheiden mit, wenn es zum Beispiel um die Zusammenarbeit der europäischen Banken oder um die Rolle der EZB geht.
    Das macht die Entscheidungsprozesse in Europa so kompliziert und langwierig. Hegemonie sieht anders aus.

    Letztlich entscheidet immer die Wirtschaftskraft. Die folgende Grafik zeigt die Wirtschaftskraft der Euroländer (nicht der EU):

    [image]

    Die deutsche Wirtschaft erreicht gerade mal ein Viertel der Euroländer. Und dieses Viertel schrumpfte noch, vergliche man Deutschland nicht mit den Euro-17, sondern mit den EU-27.

    Kein einzelnes Land hat die Macht in Europa und über Europa. Das ist schon so seit im Mittelalter Nationalstaaten in Europa entstanden sind. In allen Kriegs- und Friedenszeiten seit dem Mittelalter bis heute bestanden und wechselten die Koalitionen, weil ein Land allein in Europa nichts ausrichten konnte. Die Vorstellung von deutscher Hegemonie in Europa ist ebenso lächerlich wie der Gedanke, Deutschland sei Opfer und Melkkuh der Europäer. Europa wird durch die EU nicht mehr, sondern nur anders geeint als früher. Die Europäische Union ist nur ein neuer legaler Rahmen für den seit Jahrhunderten andauernden Konkurrenzkampf zwischen den kapitalistischen Nationen in Europa.

    Welche Koalitionen bieten sich gegenwärtig für den europäischen Konkurrenzkampf an?
    Eine „Koalition der nordischen Sparländer“ mit Deutschland, Irland (?!), Finnland, Österreich, Belgien, Niederlande und die kleinen „Restländer“ machen zusammen 46 Prozent der Wirtschaftskraft in der EU-Zone. Sie haben nicht einmal eine „einfache Mehrheit“ der Wirtschaftskraft.
    Deutschland und Frankreich zusammen bringen ebenfalls weniger als 50 Prozent des wirtschaftlichen Gewichts der Eurozone auf die Waage.
    Die „Koalition der südlichen Schuldenmacher“ Spanien, Italien und Griechenland sind zusammen stärker als Deutschland. Sie stellen fast ein Drittel der Euro-Wirtschaftskraft, zusammen mit Frankreich schaffen sie ein Übergewicht mit 53 Prozent.
    Diese vier Anrainerstaaten des Mittelmeeres sind sowohl von der Größe wie von der Interessenlage her „natürliche Partner“.
    Kurz: Die Eurozone ist ebenso wenig wie die EU ein deutsches Projekt. Das heißt nicht, dass die deutschen Kapitalisten nicht kräftig in der EU und von der Eurozone profitieren. Das heißt aber doch, dass „deutsche Interessen“ weder in der EU noch in der Eurozone Vorrang haben.
    Darüber mag man sich freuen oder nicht, man sollte es mindestens als Faktum akzeptieren.

    Ein ehemaliger Chefredakteur des „Manager Magazins“ mäkelte: „Deutschlands Elite badet gerne lau!“ Ich denke, der Grund ihrer „Lauheit“ ist eine nüchterne Einschätzung ihrer Möglichkeiten.

    Gruß frosch

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    井底之蛙

    

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  • froschgrafik: Deutschland und die Eurozone - frosch, 10.07.2012, 08:44

Wandere aus, solange es noch geht.


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