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ZITAT »Es wird die Rechtssicherheit sein, die an allen Ecken und Enden wegbröckeln wird.«

    Nico Paech: Freundlich, nur leider Symptomökonom...

    verfasst von RogRog, 01.04.2011, 23:04
    (editiert von RogRog, 01.04.2011, 23:06)

    Hi smith74,

    wir hatten Paech im letzten Semester zu uns an die Uni eingeladen. Er tat mir ein wenig leid, weil das Publikum keine konstruktiven Fragen stellen konnte. Der Saal war ganz gut gefüllt, hauptsächlich von Studenten. Allerdings waren auch einige ältere "Linke" unter den Zuhörern, die die Fähigkeit verloren haben sich in andere Menschen als Marx hineinzuversetzen. Wenn sie diese Fähigkeit überhaupt jemals besaßen... Sie haben in der nach dem Vortrag anschließenden Diskussion lange Monologe gehalten, in denen sie urteilten, bevor sie überhaupt etwas verstanden hatten. Sie haben sich vorgedrängelt oder unaufgefordert losgeredet. Kurz um: Es war eine Zumutung.

    Der Vortrag von Paech war leider zu lang. Er hat es nicht verstanden seine wesentlichen Thesen kurz und verständlich darzustellen. Allerdings kannte ich viele Probleme, die er ansprach, schon vorher. Mein Eindruck war, dass er ein sehr freundlicher, phantasievoller Mensch ist, der seine Ideale lebt. Das gefiel mir.

    In Deinem Artikel stehen seine Thesen ja knapp zusammengefasst. Richtig finde ich, dass er die neue Wachstumsideologie als die alte mit grünem Anstrich entlarvt und dass er die extreme Abhängigkeit durch Fremdversorgung problematisiert.

    Fragwürdig finde ich seine Schritte zur Postwachstumsökonomie.

    Suffizienz: Zur Umsetzung benötigt man ein Bewusstsein dafür, dass mancher Wohlstand "Schrott" ist und unser Leben "verstopft". Ich glaube hier im Forum weiß die große Mehrheit haargenau wie ausweglos der Versuch ist andere Leute von einer Idee zu überzeugen. Dieses Problem (Wie kann ich Einsicht in den Unvernünftigen eintrichtern?) beschäftigt Pädagogen seit Jahrhunderten und ich kann Dir verraten: Sie haben noch keine Lösung gefunden und werden sie auch nicht finden.

    Es ist aber nicht nur ein kognitives Problem, sondern auch ein seelisches. Haben die Unvernünftigen überhaupt das Bedürfnis zu verzichten oder konsumieren sie Schrott, weil es ihnen eine Befriedigung gibt? Eine Befriedigung, die sie insgesamt nicht glücklicher macht, vielleicht sogar unglücklich, aber im Moment des Kaufes erlöst. Was würde eine Verzichtsethik für diese Menschen bedeuten? Sie haben das Bedürfnis, müssen es aber aufgrund neuer Normen unterdrücken.

    Subsistenz: Hängt vom Bewusstsein, dem Seelischen und der individuellen Lebenslage ab. Leider wird spätestens ab der Schule (Schulpflicht, Lehrplan, Zeugnisse usw.) kontinuierlich die Eigeninitiative abtrainiert. Das Resultat ist der von den Institutionen der Gesellschaft abhängige, angepasste, geistig verkümmerte Bürger, der Subsistenz entweder als zoologische Sehenswürdigkeit belächelt oder es bestenfalls als bewundernswert honoriert. Paech als Akademiker kann es sich leisten 20 Stunden in der Woche zu arbeiten. Ob das auch für viele andere gilt?

    Regionalökonomie: "Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung." Was auch immer das heißen mag! H/S erklären Arbeitsteilung und Effizienz bzw. Innovationen durch die Konkurrenz um die immer knappen Schuldendeckungsmittel. Da die Idee von Regionalwährungen aber ist, dass der Zins um Null schwankt, würde keine Geldknappheit existieren und somit gäbe es auch keinen Zwang effizienter zu werden.

    Stoffliche Nullsummenspiele: Bauen auf dem vorherig Gesagtem auf.

    Institutionelle Innovationen: Hier rächt sich am meisten seine Ausbildung, denn Ökonomen müssen nicht das Herrschaftssystem hinterfragen und so können sie die tollkühnsten Reformen fordern.

    Es ist auch interessant zu sehen, wie er argumentiert, weil mich das an eine Kritik von H/S erinnert. Die haben behauptet, dass sich "Ökonomen" nicht mit Ökonomie, sondern mit Konsumtion, Produktion, Verteilung und ggf. Akkumulation (von Gütern) beschäftigen. Unter "Wirtschaften" verstehen H/S die Aktivierung von Eigentum (Belastung von Gläubigereigentum und Verpfändung von Schuldnereigentum in einem Kreditvertrag). Tatsächlich konzentrieren sich Paechs Kritik und auch Alternativen hauptsächlich auf Produktion und Konsumtion.

    Er spricht zwar hier und da auch von Geld, Zinsen und Regionalwährungen, aber es erscheint nebensächlich. Tatsächlich scheint er als waschechter Ökonom, wie schon oben angedeutet, auch keine Ahnung davon zu haben. Kreditverträge, monetäre Produktion, strukturelle Geldknappheit, Kreditkette, Wachstumszwang, Horten, Sparen usw. bleibt bei ihm begriffsloses Niemandsland. Selbst der Ursprung seiner Regionalwährungen, die ja teilweise auf den Ideen Silvio Gesells aufbauen, ist ihm nach meiner Erinnerung aus der Diskussion in der Uni nicht bewusst. Kann mich da aber auch irren, weil ein Student die Erklärung übernommen hat.

    Wenn man den Artikel liest, hat man das Gefühl es würde alles von einem neuen Bewusstsein, ein paar schlauen Einfällen und Reformen abhängen - eine Idylle der Freiwilligkeit. So ist es aber nicht.

    Selbst wenn eine Paechsche oder auch Onkel Ottonische Blümchenökonomie theoretisch auf dem Bierdeckel möglich wäre, würde der Umsetzung immernoch das gigantische Zwangssystem der Herrschaft entgegenstehen. Und Veränderung des Status Quo mag ein Herrschaftssystem überhaupt nicht! Das entgeht den meisten Ökonomen, weil ihr Kopf von der Lösung mathematischer Formeln oder Problemen ausgelastet ist. Sie sehen Symptome und wollen sie lindern.

    Gruß


    gesamter Thread:

  • Ideen für eine Postwachstumsökonomie! - smiths74, 31.03.2011, 23:28

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